Private Medien: Gesellschaftliches Rückgrat gegen Desinformation

Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine ist auch ein Informationskrieg. Journalist:innen der privaten Medien aus Deutschland liefern seit Kriegsbeginn – teilweise unter Lebensgefahr – zuverlässige Informationen und fundierte Einordnungen. Ein Journalismus mit diesem Anspruch ist das gesellschaftliche Rückgrat gegen Desinformation.

Die Nacht vom 24. auf den 25. Februar 2022 ist eine geschichtliche Zäsur: Russland erschüttert weite Teile der Weltgemeinschaft mit einer brutalen Invasion in die Ukraine, mitten in Europa. Sofort verfolgen Menschen überall in Deutschland die dramatische Lage im TV, Radio, auf Nachrichten-Websites und Social-Media-Plattformen. In den frühen Morgenstunden des 25. Februar 2022 startet die fünfstündige Live-Berichterstattung bei WELT. RTL und ntv berichten in einer gemeinsamen, mehrstündigen Sondersendung ohne Werbeunterbrechung über den russischen Angriffskrieg. ProSieben und SAT.1 senden das erste „Ukraine-Spezial“ zur Prime-Time, viele weitere folgen, für die intensive Sonderberichterstattung stellen mehrere Sender wochenlang ihr Programm um.

Die Redaktionen der privaten Voll- und Nachrichtenprogramme arbeiten seither auf Hochtouren daran, die Menschen täglich mit verlässlichen Informationen zu versorgen. Mit zahlreichen Korrespondenten-Berichten, Live-Schalten, Live-Tickern und durch Expertenteams verifizierten Fotos und Videos wurde die Berichterstattung an die neue, seitdem anhaltende journalistische Breaking-News-Situation angepasst – auch verbunden mit enormen Mehraufwänden zum Schutz unserer Reporter:innen vor Ort, sowohl im Kriegsgebiet in der Ukraine als auch in Russland und den Nachbarstaaten. Allein in den ersten zwei Wochen haben wir so bei den Privaten über 150 Stunden gemeinsame Sondersendungen ausgestrahlt, die über 35 Millionen Zuschauer:innen erreichten.

Zahlreiche Radiosender verstärkten ihre Nachtredaktionen. Reporterteams und Wochenendredaktionen wurden verdoppelt. Dolmetscher:innen und Support-Teams waren im Dauereinsatz, sind es zum Teil bis heute. Auch eineinhalb Jahre nach Kriegsbeginn gehören zusätzliche Sendungen als sofortige Reaktion auf neue Entwicklungen zu unserem Redaktionsalltag, wie z. B. die intensive Berichterstattung zum Putschversuch des Chefs der russischen Söldnergruppe „Wagner“, Jewgeni Prigozhin, Ende Juni 2023 in Russland. Faktenchecker-Teams arbeiten ohne Unterlass, um Informationen, Video- und Bildmaterial sowie User-Generated-Content zu überprüfen – und den rasant zunehmenden Fake News verlässliche Informationen und fundierte Einordnungen entgegenzusetzen. Dort, wo selbst erfahrene Reporter:innen an ihre Grenzen stoßen, weil sie nur eingeschränkt Zugang zu Informationen haben, wird dies transparent gemacht.

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine ist auch ein Kampf um Deutungshoheit. Fehlinformationen, Framing, Verhinderung unabhängiger Berichterstattung und freier Meinungsbildung sind heute Teil einer hybriden Kriegsführung, nicht nur in diesem Krieg, sondern in vielen Teilen der Welt. Demokratische Medien – auch in Deutschland – werden zum Ziel von Cyberattacken. Russland verbietet Facebook, Instagram und X (vormals Twitter). Internationale Medien, beispielsweise die Deutsche Welle, werden als „ausländische Agenten“ eingestuft, viele westliche Berichterstatter bedroht, angegriffen und unter Druck gesetzt. Seit März 2022 drohen nach einem neuen russischen Mediengesetz für die Verbreitung kritischer Informationen über den Krieg in der Ukraine bis zu 15 Jahre Haft. In Russland darf dabei nicht einmal von „Krieg“ oder „Invasion“ gesprochen werden, sondern nur von einer „militärischen Spezialoperation“.
Trotz aller Widrigkeiten und unter hohem Risiko für das eigene Leben berichten zahlreiche Journalist:innen auch von VAUNET-Mitgliedern weiter aus Russland und direkt aus dem Kriegsgebiet. Die privaten Sender, darunter wir von RTL/ntv und unsere Kolleg:innen von WELT und BILD, bleiben mit Reporter:innen-Teams weiter vor Ort – das spiegelt sich in der hohen Qualität ihrer Berichterstattung. Denn die Vor-Ort-Präsenz ermöglicht wichtige eigene und unmittelbare Einblicke, die sich nicht aus der Ferne gewinnen lassen.

Die Sicherheit unserer Kolleg:innen hat dabei höchste Priorität. Als Programmgeschäftsführerin und Chefredakteurin eines Nachrichtensenders, sowie als Vorsitzende der Arbeitsgruppe Pressefreiheit der Bertelsmann AG erfüllt es mich daher mit großer Besorgnis, zu sehen, wie die Arbeit unabhängiger Journalist:innen immer schwieriger und gefährlicher wird. Neben der realen physischen Gefahr im Kriegsgeschehen ist die Sicherheit unserer Kolleg:innen dabei auch durch staatliche Repressionen und Strafandrohungen sowie durch politisch motivierte Bedrohungen und Gewalt gefährdet. Nicht nur in Russland, sondern in vielen Ländern der Welt – auch in Europa, selbst in Deutschland – verschärft sich die Situation, wie die jährlichen Reports der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ zeigen.

Deshalb ist der Diskurs mit den politisch und gesellschaftlich Verantwortlichen über den konkreten Schutz der für die Demokratie notwendigen freien Berichterstattung als Teil der demokratischen Grundordnung unverzichtbar. Vor diesem Hintergrund ist es begrüßenswert, dass beispielsweise die EU-Kommission durch den European Media Freedom Act (EMFA) die Medienfreiheit und den Schutz von Journalist:innen fördern will. Dabei sollte sie sich aber auf die realen, externen Bedrohungen freier Berichterstattung konzentrieren und nicht unverhältnismäßig in die innere Organisation von Medien eingreifen, für die redaktionelle Unabhängigkeit eine Selbstverständlichkeit ist.

Auch darf die wirtschaftliche Entwicklungsfähigkeit von Medienunternehmen nicht durch überbordende Vorschriften eingeschränkt werden. Denn hochwertiger Journalismus erfordert Investitionen und verursacht Kosten, die refinanzierbar sein müssen. Zudem ist es unerlässlich, dass professionelle, journalistisch-redaktionelle Medieninhalte zur Einordnung von Desinformation – auch online – gefunden werden. Auffindbarkeit seriöser Medieninformationen und Transparenz der Algorithmen bei den Big-Tech-Plattformen sind ein Schlüssel im Kampf gegen Desinformation.

Unser Einsatz für eine verlässliche und unabhängige Berichterstattung ist dabei nicht nur eine Informationsoffensive für die deutsche Bevölkerung, um ein objektives Bild des Kriegsgeschehens und seiner Auswirkungen auf Deutschland zu vermitteln. Viele Nachrichtenredaktionen boten und bieten ihre Inhalte z. T. auch in russischer und ukrainischer Sprache an, für die vor dem Krieg oder anderen Bedrohungen Geflüchteten aus der Ukraine und Russland, sowie für die in Deutschland lebenden osteuropäischen Communities.

So starteten wir bei RTL/ntv das Nachrichtenformat „Ukraine-Update“, in dem die ukrainische Journalistin Karolina Ashion in ihrer Landessprache über die Entwicklungen im Kriegsgebiet berichtete und Geflüchteten Orientierung und Tipps für das Leben in Deutschland gab. Sondersendungen im Radio und Fernsehen informierten über die Lebens- und Arbeitsbedingungen, unter denen Radio- und TV-Kolleg:innen in der Ukraine und Russland weiter versuchten, ihren Beruf auszuüben. Gesonderte Livestreams und Sendungen mit russischen Untertiteln von WELT und BILD TV ermöglichten russischsprachigen Menschen Zugang zu einer umfassenden Berichterstattung über den Angriffskrieg.
All dies sind nur einige Beispiele, die zeigen, welchen wesentlichen Beitrag die privaten Medien gerade auch in Krisen und Zeiten großer Veränderungen für die Meinungsvielfalt und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft leisten. Der russische Angriffskrieg führt uns deutlich vor Augen: Unabhängiger Qualitätsjournalismus ist das gesellschaftliche Rückgrat gegen Desinformation. Wir dürfen ihn nicht schwächen, sondern müssen ihn mit aller Kraft weiter stärken.

 

Ein Gastbeitrag von Sonja Schwetje, stellvertretende Fachbereichsvorsitzende Fernsehen und Multimedia des VAUNET, Programmgeschäftsführerin und Chefredakteurin ntv/Chefredakteurin RTL NEWS Wirtschaft und Netzwerke

Sonja Schwetje
© VAUNET / Angela Regenbrecht

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Sonja Schwetje

VAUNET-Vorständin sowie Programmgeschäftsführerin und Chefredakteurin ntv/Chefredakteurin RTL NEWS Wirtschaft und Netzwerke

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